Lecture on Immanent Corporeality

Artistic Research Project

  • gefördert durch AR Pilot - den mdw-Call für Artistic-Research-Projekte 2026. AR Pilot ist Teil der Aktivitäten der mdw-Forschungsförderung zur Weiterentwicklung von Methoden, Projekten und Diskursen im Bereich Artistic Research.

  • durchgeführt am IKT - Institut für Kompositionsstudien, Ton- und Musikproduktion Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

  • Researcher: Michael Pinkas

Lecture on Immanent Corporeality ist ein posthermeneutisches Konzert- & Vortragsformat mit einer practice-led Vorphase und Post-Performance-Reflexion seitens der Komponist:innen, Interpret:innen und Zuhörer:innen.

❋ Gegenstand der Untersuchung

Untersucht werden Konstellationen zwischen Hören, Sehen und Berühren als immanent körperliche, nicht explizit inszenierte und nicht vordergründig szenische Aktionen in posttonaler Musik. Immanente Körperlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang eine Strategie zur Produktion räumlich-zeitlicher Präsenz in Aufführungen, die kompositorisch an den Grenzen der Sinneswahrnehmung gestaltet ist und oft widersprüchliche Resultate erzielt.

❋ Frage des AR-Projekts

Das AR-Pilotprojekt fragt, wie Konstellationen zwischen Hören, Sehen und Berühren als immanent körperliche Aktionen in posttonaler Musik künstlerisch-forschend untersucht werden können. Es setzt an einer Schwelle an, an der das Sprechen über Musik in Bezug auf die Denkfiguren des sichtbaren Klangs und des hörbaren Körpers an Grenzen des Sagbaren stößt. Dadurch versucht das Projekt, immanente Körperlichkeit nicht nur theoretisch zu reflektieren, sondern künstlerisch forschend zu erproben und zu verankern.

❋ Practice-led Vorphase

Die practice-led Vorphase beginnt mit der Recherche möglicher Konstellationen zwischen Hören, Sehen und Berühren sowie ihrer chiasmatischen Beziehungen als (Nicht-)Berühren durch Hören, als (Nicht-)Sehen beim Hören, als Hören des Körpers oder als Sehen des Klangs.

❋ Post-Performance Reflection

Für die Evaluation des Pilotprojekts werden Materialien gesammelt, die unterschiedliche Perspektiven der »cognitive subjectivity« (Darla Crispin) sichtbar machen. Zugleich sollen sie dem Projekt ermöglichen, sich »to interrogate itself« (Nicholas Cook) selbst zu befragen und daraus eine präzisere künstlerisch-forschende Fragestellung zu entwickeln.

1. Research-Catalogue-Exposition,
2. Reflexionen der Interpret:innen vor und nach dem Konzert,
3. kompositorisches Material,
4. Dokumentation des Konzerts & Vortrags (Video-Mitschnitt),
5. Publikumsfeedback.

❋ Performance-Lecture

Das 45-minütige Konzert- & Vortragsformat bildet den Hauptteil des Projekts: Drei Spieler:innen führen eine Komposition auf, während zugleich die im Research Catalogue dargestellten Konstellationen auf eine Leinwand projiziert werden. Dabei werden sinnliche und intermediale Interaktionen als kommunikative Aspekte des Gestischen sichtbar und hörbar gemacht.

  • »Gehört wird mit allen Sinnen, vor allem aber taktil mit der Haut, mit dem auch, was unter die Haut geht« (Zenck, »Vom Berühren der Klaviertasten und vom Berührtwerden von Musik. [...]«

    Jörn Peter Hiekel und Wolfgang Lessing (Hg.), Verkörperungen der Musik. [...], 2014, S. 136

  • »Hinsehen«, das analog zum Hinhören einen »[...] sehend-abtastenden Nachvollzug der sichtbaren (Spiel-)Bewegungen« bezeichnet, wodurch das Ohr »geschärft, aber auch irritiert werden« kann.

    Schroedter, Stephanie: »Musik erleben und verstehen durch Bewegung. [...]«, in: Lars Oberhaus und Christoph Stange (Hg.), Musik und Körper [...], 2017, S. 230).

Die offene Forschungsfrage entstand im Kontext meiner wissenschaftlichen Dissertation, die der Frage nachgeht, wie sich die Denkfiguren des sichtbaren Klangs und des hörbaren Körpers im Spannungsfeld zwischen Taktilität und Oralität im Werk Isabel Mundrys (vgl. ihre Ensemblekomposition Noli me tangere, 2020) diskursanalytisch, musikanalytisch und musikästhetisch beschreiben lassen. Gerade weil das Sprechen über Musik in Bezug auf diese Denkfiguren an Grenzen des Sagbaren stößt, setzt das AR-Pilotprojekt an dieser Schwelle an. Es versucht (außerhalb des engeren Rahmens meiner Dissertation), immanente Körperlichkeit im Werk Mundrys und weiterer Komponist:innen nicht nur theoretisch zu reflektieren, sondern künstlerisch forschend zu erproben und zu verankern.

Während das Zusammenwirken visueller und auditiver Elemente in Aufführungen intermedial gestalteter Kompositionen als untrennbare Gegenstände musikalischer Analyse aufgefasst wird, die »mediale Interaktionen, Interferenzen, Phänomene der Überschreitung von Mediengrenzen, Wechselbeziehungen und Schnittstellen zwischen distinkten Medien sowie deren Differenzen« aufzeigen (Stefan Drees, Körper Medien Musik. […], 2011, S. 43) wurden auch im Bereich des klassischen überwiegend non-intermedialen Konzertbetriebs analytische Versuche unternommen, die Aufmerksamkeit auf das Sinnliche zu lenken, v.a. auf die Grenzen zwischen Hören und Sehen beim Hören in Bezug auf Körperlichkeit.

Diese Ansätze gehen methodisch einerseits auf Analysen des Repertoires des 19. Jahrhunderts zurück, bspw. auf Robert Hattens Untersuchung kommunikativer Aspekte musikalischer Gestik (Interpreting Musical Gestures […], 2004). Andererseits entwickeln sie neuere Methoden der Artistic Research, wie Sigrun Heinzelmanns „Embodied Music Analysis“ (EMA) am Beispiel des embodied voice leading bei Frédéric Chopin (Embodied Music Analysis […], 2023) oder Guy Livingstons Untersuchung von performing musical silence mithilfe von audible, visual und notational markers (Performing Musical Silence […], 2025).

Andererseits betreffen sie die Musik nach 1945, in der trotz der von Komponist:innen und Theoretiker:innen erhofften Abwesenheit von Körperlichkeit in der frühen Serialität manche wahrnehmungsorientierte Ansätze gerade mit der Unvertilgbarkeit des Körpers argumentieren, u.a. Martin Zencks Boulez-Analysen zur Berührung oder Helmut Lachenmanns befreite Wahrnehmung, die klangsinnliche und körperlich-performative Aspekte mobilisiert. Im Zuge dessen entwickelt sich eine andere Sicht auf die Intermedialität. In Gestik, Mimik, Haptik und im ereignishaften Spiel der Verkörperungen erscheint sie als eine Konfrontation mit einer posthermeneutischen Intermedialität, die »ihre eigenen Interferenzen, Gegenläufigkeiten und ›Chiasmen‹ erzeugt« (Dieter Mersch, Posthermeneutik, 2010, S. 276).

Darauf kann die indirekte Aufmerksamkeit der Analyse gerichtet werden auf das, was sich einem begrifflich-diskursiven Verstehen entzieht im Sinne des posthermeneutischen Denkens Merschs, in dessen Rahmen die Denkfigur des Dazwischen entwickelt wird: dasjenige, was nicht Zeichen ist, aber Zeichenprozesse ermöglicht, was nicht Sinn ist, aber Sinn stört und mitprägt. Solche posthermeneutischen Settings als Grenzerfahrungen stehen an den Rändern von Philosophie, Musikanalyse und Kunst. Als kritischer Punkt gilt dabei, wie die Grenzen zwischen Hermeneutik und Posthermeneutik analytisch fruchtbar gemacht werden können. In Frage stehen hauptsächlich die Herausforderungen des Vortragsformats für eine posthermeneutische Analyse hervor, wenn Cosima Linke (in: Joe Reinke, Kathrin Kirsch (Hg.), SINN / SINNE 01, 2025) bemerkt: »Womöglich ist das Medium des Vortrages nicht das richtige, um des Gegenstandes [der Kunst] habhaft zu werden.« Mit diesem kritischen Punkt setzt sich das AR-Pilotprojekt produktiv auseinander, indem es ein von Artistic Research geprägtes Vortragsformat entwickelt, das die Möglichkeiten und Grenzen posthermeneutischer Analyse im Vollzug der Performance selbst erprobt.